Muslime in der Schweiz

Islam in den Schweizer Medien: Burka, Islamischer Zentralrat, Kruzifixstreit – Medien zwischen Information und Skandalisierung (2010)

Ein Rückblick auf die Jahresversammlung der «Gemeinschaft von Christen und Muslimen in der Schweiz» (GCM) vom 25. September 2010 zum Thema «Islam in den Schweizer Medien. Burka, Islamischer Zentralrat, Kruzifixstreit – Medien zwischen Information und Skandalisierung».


Einführungsreferat von Prof. Urs Dahinden

Podiumsdiskussion mit Prof. Urs Dahinden, Simon Spengler, Journalist und kath. Theologe, Mustafa Dikbas, Online-Redaktor bei der BZ, Tamer Aboalenin, arabischer Journalist. Moderation: Amira Hafner Al-Jabaji


Wir sind heute eigentlich zu Gast bei der „Offenen Kirche Region Olten“. Aus diesem Grunde zeigt uns der Vizepräsident, Klaus Heinrich Neuhoff, einige Aspekte ihrer Arbeit auf. Der Trägerverein „Offene Kirche Region Olten“ wurde 2003 gegründet. Er schafft Momente der Begegnung, sucht nach einer offenen Spiritualität, engagiert sich im interreligiösen Dialog und organisiert künstlerische, soziale und spirituelle Ausstellungen, wie. z.B. „Sterben und Tod in Weltreligionen“.

Urs Dahinden ist seit 2008 Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft und empirische Sozialforschung an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur. Er stellt  dem versammelten Publikum das unter seiner Leitung durchgeführte Nationalforschungsprojekt NFP 58 vor. Vor dem Hintergrund des Wandels der religiösen Landschaft wo das Christentum an Bedeutung verloren hat und kulturell neue Religionen in Erscheinung getreten sind, hat dieses Projekt die Öffentlichkeitsarbeit der Religionen und ihre Darstellung in den Medien untersucht. Dies mit speziellem Blick auf den Islam, sind doch die Musliminnen und Muslime nach den Christen (Katholiken und Reformierte), sowie den Konfessionslosen (11%!) die drittgrösste Gruppe (4,26%).

Auf Seiten der Medien haben wir es mit Journalisten zu tun, die keine Spezialisierung in Religion aufweisen, – aber gerade Zeit haben, etwas zu schreiben. Und wir haben es mit Zeitungen zu tun, die kaum ein Ressort “Religion” kennen. Im Gegenteil, die Journalisten glauben es sei besser, wenn sie nichts von Religion verstehen und verwechseln diese Haltung mit Neutralität. Dem gegenüber bemerkt Urs Dahinden zu recht, dass kein Interviewpartner aus der Wirtschaft die fachliche Ignoranz eines Journalisten verzeihen würde. Und die Leserschaft wohl noch weniger!

Wird über Religion berichtet, so geht es meistens um etwas anderes, z.B. Politik oder Sport, und nicht in erster Linie um Religion. Tendentiell wird der Islam nebenbei zu politischen Themen erwähnt und dient so den journalistischen Stories mit ihren Erzählmustern zur Charakterisierung des negativen Akteurs, des Bösewichts. Das Christentum hat es da als alteingesessene Religion besser und wird auch als Religion im grossen und ganzen positiv dargestellt.

Anders als vielleicht erwartet, macht die Studie keinen Unterschied zum Stand des Islam in den Medien vor und nach dem 11. September aus, nur, dass seit dem 11. September lediglich mehr berichtet wird. Urs Dahinden mag bei den Medien keine böse Absicht ausmachen, wirft ihnen jedoch vor, dass sie gar keine Absicht haben, sprich ihre gesellschaftliche Verantwortung nicht wahrnehmen. Diese bestünde z.B. im Fördern demokratischer Werte oder dem Abspiegeln der Vielfalt in der Schweiz. 

Ernüchternd war auch Urs Dahindens Einschätzung, dass die Wirkung der Medien begrenzt ist. Aus früheren Erfahrungen wisse man, dass die Medien kaum einen Einstellungswandel bewirken können. Die Anti-Minarett-Initiative habe zudem gezeigt, dass die Leserschaft trotz negativer Empfehlung der meisten Medien der Initiative zugestimmt hat, wohl weil die Gegnerschaft in der Öffentlichkeit sozusagen absent war.

Was rät nun der Medienspezialist den Muslimen, was den Medien oder etwaigen Dritten? Allen voran ermahnt er die Muslime, mehr und professionellere Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und selbstbewusst aus der Defensive herauszutreten. Hier ist laut Dahinden ein Haltungswandel gefragt. Nicht erwähnt wurde allerdings die Tatsache, dass die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islam in der Schweiz die musli-ische Gemeinschaft mit den benötigten Ressourcen versehen könnte.

Auch erwähnt er den Druck nicht, der viele Muslime dazu bringt, “nur ja nicht aufzufallen”, aus Angst, sie könnten registriert werden. Die Politik, allen voran den Bund, ruft Urs Dahinden dazu auf, eine aktive und aufklärende Rolle hinsichtlich der Bedeutung von demokratischen Grundwerten wie z.B. Religionsfreiheit und Minderheitenschutz sowie Integration einzunehmen. Für die Medien ist es höchste Zeit anzuerkennen, dass Religion auch in einer modernen Gesellschaft ein Thema ist. Urs Dahinden ist überzeugt, dass Journalisten und Medienhäuser dankbar wären für Adresslisten von Experten und Weiterbildungsmöglichkeiten. Zudem soll die Leserschaft bei negativen Erfahrungen z.B. bei einseitiger Darstellung und kontinuierlicher Ablehnung von Lesebriefen vermehrt die Möglichkeiten nutzen, sich an neutrale Dritte zu wenden, wie z.B. die Ombudsstelle, den Presserat oder das Medienausbildungszentrum. Wünschenswert wäre auch, wenn interreligiöse Vereine sich mehr zu Wort melden würden. Auch der Rat der Religionen könnte eine wichtige Rolle spielen.

 

Podiumsdiskussion

Die Moderatorin Amira Hafner-Al-Jabaji (selber Islamwissenschafterin und Publizistin) erzählt einen Witz, der eine lebhafte Diskussion über Wahrheit und Abbildung losreisst.

Der arabische Journalist Tamer Aboalenin beobachtet die Berichterstattung über den Islam in der Schweiz schon seit mehreren Jahren. Die Wahrheit werde immer verdreht, das muslimische Opfer werde zum muslimischen Täter und der Islam mit Negativem verbunden. Kein Redaktor interessiere sich z.B. für die Ausstellung eines arabischen Malers. Er verweist auch auf die mangelnde Haftung von Journalisten und deren fehlendes Verantwortungsgefühl gegenüber dem Inneren Frieden. So hat doch ein von SF1 ausge-strahlter Dokumentarfilm einen körperlichen Angriff auf eine muslimische Frau nach sich gezogen. Auch bemängelt der arabische Journalist die fehlende Sensibilität und den Respekt vor der Religion. Es werde über den Koran geschrieben als ob er kein Heiliges Buch wäre. Er kritisiert auch das mangelhafte Wissen über den Islam, wenn z.B. Mädchenbeschneidung als ein islamisches Problem dargestellt würde. Doch ist sich Herr Aboalenin ... wohl nicht bewusst, dass selbst die ägyptischen Frauen auf dem Land glauben, der Islam gebiete ihnen, ihre Töchter zu beschneiden. Wie soll es denn ein westlicher Journalist besser wissen?

Simon Spengler, Journalist und katholischer Theologe, weist auf den wachsenden Instant-Journalismus hin, wo Reflexion nicht mehr möglich ist. Journalisten liefen der Mehrheit hinterher, und es ginge v.a. darum, Geschichten zu verkaufen. Dabei werde permanent auf Stereotypen reduziert, die auch hartnäckig wiederholt würden. Tamer Aboalenin hält dem entgegen, dass Erfolg aber gerade jene schmückt, die es anders machen und verweist auf die wirklich berühmten Journalisten, wie z.B. Arnold Hottinger, Ulrich Tilgner, Jürg Bischoff, ...  Andererseits bestätigt der freischaffende türkischstämmige Journalist Mustafa Dikbas, dass es gerade auch im Online Journalismus darum gehe, wieviel mal auf einen Artikel geklickt wird. Spengler geht soweit zu sagen, dass ein Journalist gar nicht mehr selber entscheiden könne.

Urs Dahinden hält dem entgegen, dass man auch gute Geschichten machen könne. Es sollten eben diese Boulevard-Methoden benutzt werden, um positive Geschichten zu verkaufen. Es gebe so Ansätze z.B. Jungunternehmer mit Migrationshintergrund zu porträtieren. Ausserdem nütze die Opferrolle nichts. Die muslimischen Gemeinschaften und auch andere Kräfte, die unterstützend wirken, sollten unbedingt aktiver werden.

Mustafa Dikbas betont nochmals, wie medienscheu die muslimischen Gemeinschaften sind. Es habe wenig kompetente und redegewandte Leute in ihren Gemeinschaften. Und sie haben schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht. Oft kam etwas völlig anderes heraus, als was sie sagen wollten. Sie haben so gelernt, besser nichts zu sagen. Daher haben die Leute in der Moschee die Anweisung, Anfragen an Verantwortlichen weiterzuleiten.

Alles in allem war es eine ernüchternde Debatte, die die Lehren aus Urs Dahindens Nationalfondsstudie bestätigt hat. Keine böse Absicht, aber viel Ignoranz und Unbeholfenheit kennzeichnen das Verhältnis von Islam und Medien in der Schweiz und es bleibt viel zu tun für diverse gesellschaftliche Akteure, wo immer sie wirken, muslimische Gemeinschaften, Journalisten, Medienhäuser, interreligiöse Foren, sowie Behörden...  im festgefahrenen Dreieck zwischen Religion, Medien und Politik.

 

Mailin Scherl, Vorstandsmitglied GCM

 


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